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Themen

Radikalisierung, was ist das?

Mit dem Aufkommen eines religiösen Extremismus im Nahen Osten und der Häufung terroristischer Anschläge in Europa hat sich in den letzten Jahren der Begriff «Radikalisierung» medial verbreitet. Was aber ist gemeint, wenn von Radikalisierung gesprochen wird? Die Autoren des Berichts des Sicherheitsverbundes Schweiz (SVS) stützen sich auf die Definition des französischen Soziologen Farhad Khosrokhava, der unter Radikalisierung einen Prozess versteht, «der dazu führt, dass ein Individuum oder eine Gruppe zu einer Form der Gewaltausübung greift, die unmittelbar an eine sozial, politisch oder religiös motivierte Ideologie geknüpft ist.»


Nach der Definition des Handbuchs des Europarats befürwortet, unterstützt oder vollbringt ein radikalisiertes Individuum Taten, «die zu terroristischen Akten führen können und die darauf ausgerichtet sind, eine Ideologie zu verteidigen, die exemplarisch für einen ethnisch oder religiös fundierten Überlegenheitsglauben steht» (Übersetzung der Redaktion). Eine radikalisierte Person steht darüber hinaus demokratischen Prinzipien und Werten meist äusserst feindselig gegenüber.


Es ist von grosser Bedeutung, daran zu erinnern, dass eine solche Einstellung nicht ausschliesslich dem islamistischen Extremismus inhärent ist. Vielmehr sind Radikalisierungstendenzen auch in anderen Kreisen wiederzufinden, beispielsweise in links- oder rechtsextremen Gruppierungen.

Radikalisierung im Justizvollzug

Im Justizvollzug ist die Thematik der Radikalisierung deshalb von Relevanz, weil Institutionen des Strafvollzugs im Verdacht stehen, Radikalisierung zu begünstigen. Das kürzlich veröffentlichte Handbuch der UNO zum Thema legt jedoch dar, dass es keine empirischen Forschungen gibt, die einen solchen kausalen Zusammenhang belegen. Diese Gefahr werde demnach stark überbewertet; Radikalisierung in Gefängnissen sei die Ausnahme, nicht die Regel. Nichtsdestotrotz geht der Bericht davon aus, dass Gefängnisse einen Nährboden für die Radikalisierung darstellen können. Da das Leben im Freiheitsentzug mit Entbehrungen verbunden ist, sei ein psychisch geschwächter Insasse der Gefahr der Radikalisierung besonders ausgesetzt.


Das Personal des Sanktionenvollzugs muss dafür ausgebildet sein, die Zeichen der Radikalisierung einer Person möglichst früh zu erkennen, auch wenn sich dieses Verhalten von Person zu Person stark unterscheide. Um bereits radikalisierte Personen daran zu hindern, ihre Ideologie zu verbreiten oder Gewalttaten zu planen, muss das im Justizvollzug tätige Personal bereit sein, strenge Disziplinarmassnahmen durchzusetzen. Prävention ist jedoch wichtiger als die Sanktionierung. In erster Linie soll dafür gesorgt werden, dass Personen, die sich auf dem Weg zur Radikalisierung befinden, ausfindig gemacht werden, damit man ihnen eine adäquate Unterstützung bieten könne. (Siehe Interview mit Annie Devos).

Annie Devos

Nationaler Aktionsplan

In der Schweiz hat die politische Plattform des SVS seinen Delegierten damit beauftragt, in Zusammenarbeit mit dem Bund, den Kantonen, den Städten und den Gemeinden bis zur zweiten Hälfte des Jahres 2017 einen Nationalen Aktionsplan zur Prävention der Radikalisierung und des gewalttätigen Extremismus zu konzipieren. Die Grundlage für den Nationalen Aktionsplan bildet unter anderem die im Juli 2016 veröffentlichte Bestandesaufnahme zum Thema, welche die Notwendigkeit von Präventionsarbeiten in Bezug auf radikalisierungsgefährdete Personen besonders hervorhebt. Um die konstruktive Mitarbeit des Justizvollzugs am Nationalen Aktionsplan sicherzustellen, ist das Schweizerische Ausbildungszentrum für das Strafvollzugspersonal (SAZ) unter der Ägide der KKJPD mit dem SVS eine Kooperation eingegangen. In diesem Rahmen werden unter der Berücksichtigung von Schlüsselpersonen des Justizvollzugs spezifische Aspekte der Thematik angegangen.


Weitere Informationen

Laura von Mandach, Leiterin Information und Dokumentation
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